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Bringen die US-Zölle ebm-papst in Gefahr, Herr Geißdörfer?

Mai 12, 2025 | Allgemein

Geschäftsführer Dr. Klaus Geißdörfer bleibt gelassen - und will zukünftig trotz Unsicherheiten in den USA investieren. © Christof Wolf
Die angekündigten US-Zölle bringen große Unruhe in die Weltwirtschaft. Warum ebm-papst sich trotzdem stärker Richtung Amerika orientiert.

Von Simon Retzbach

Mulfingen/Main-Tauber-Kreis. Hohe Zölle auf alles und jeden? Mittelhohe Zölle auf manches? Oder doch nur für bestimmte Länder? So richtig klar ist das aktuell nicht. Entsprechende Meldungen haben oft nur noch eine enorm kurze Gültigkeit. Da wirkt auch das ein oder andere Unternehmen plötzlich verunsichert, regelrecht getrieben von den Entwicklungen.

Auch beim Mulfinger Weltmarktführer ebm-papst könnte man diesen Eindruck gewinnen. In einem Bericht des SWR Anfang Februar, kurz nach Amtsantritt Trumps, wirkt Geschäftsführer Klaus Geißdörfer noch gelassen, geradezu optimistisch. Trump mache der Firma wenig Sorgen, in der Trump-Administration sei „eine gewisse Stabilität und damit Planbarkeit“ vorhanden. Eine geplante Investition in den USA, wo das Unternehmen bereits seit 1980 vertreten ist, würde durch Trump „möglicherweise sogar noch beschleunigt“.

Diese Worte sind geradezu ein Musterbeispiel für jene Aussagen mit aktuell enorm kurzer Halbwertszeit. Denn schon Anfang April, rund acht Wochen später, thematisiert „ZDF heute“ die Entscheidung des Weltmarktführers, eine geplante Investition in den USA nun doch zu stoppen. „Vorläufig“, um Klarheit über die Auswirkungen der geplanten Zölle zu erhalten.

Was gilt nun? Wie plant das Unternehmen in diesen unsicheren Zeiten? Für die Region bedeutsam, denn auch für Arbeitnehmer aus dem Main-Tauber-Kreis ist der Industrieriese eine wichtige Adresse. Doch schon in der Vergangenheit war zumindest Kurzarbeit ein Thema, auch vor den Zöllen geriet der Wachstumsmotor ins Stocken.

Geschäftsführer Klaus Geißdörfer, studierter Chemieingenieur, wirkt im FN-Gespräch dennoch gelassen. „Wir sind in strukturell wachsenden Märkten unterwegs“, begründet er seinen Optimismus. „Klar gibt es ein Auf und Ab, kurzfristige Verwerfungen in den Märkten“, räumt er ein. Ganz so klein waren diese Verwerfungen zuletzt allerdings nicht: Die Gesetzgebung zu Gebäudeheizungen, die im vergangenen Jahr kontrovers debattiert wurde, habe „von heute auf morgen“ rund 70 Prozent der Umsätze wegbrechen lassen. Durch andere Bereiche konnte man diesen „ganz massiven“ Einschnitt ausgleichen, „sonst hätten wir das nicht überlebt“.

Abhängigkeit von Zöllen durch lokale Produktion senken

Dass die Aussagen im Februar und April widersprüchlich sind, das Unternehmen gewissermaßen nur reagiert, statt zu agieren: Der Geschäftsführer widerspricht diesem Eindruck. Man habe schon vor der aktuellen Zollthematik einen Ansatz gefahren, in dem lokale Wertschöpfung für lokale Verkäufe relevant ist. Heißt also konkret: Was in einem bestimmten Land verkauft wird, soll möglichst auch dort produziert werden. Globalisierung quasi lokal gedacht, „local for local“ nennen sie die Strategie im Unternehmen.

Etwa die Hälfte der in Amerika verkauften Produkte werde bereits dort produziert, dieser Anteil soll steigen. Zölle hin oder her. Die Betroffenheit von möglichen Zöllen werde daher sinken. „Wir überlegen weiterhin, wie im Februar formuliert, inwiefern wir Planungen in Amerika beschleunigen können“, gibt er Einblicke. Dennoch wünscht er sich eine „Null-Zoll-Situation“ zwischen Europa und Amerika, damit nicht am Ende der Endverbraucher die „Zeche zahlen“ müsse. Denn die Zölle müsste sein Unternehmen weitergeben: „Wir sind da ziemlich auf Kante genäht. Wir werden die Zölle, sofern sie kommen, eins zu eins weiterzugeben.“

Die steigende Gefahr einer globalen Rezession macht Geißdörfer allerdings Sorgen. Aus diesem Grund müsse man „die ein oder andere“ Investition überdenken, zugleich frühere Bemühungen um ein Freihandelsabkommen wie TTIP wiederbeleben. Eine Grundsatzentscheidung gegen die USA lösen die Zollpläne nicht aus. „Grundsätzlich ist sehr klar, dass wir weiterhin dort investieren werden“, legt er sich fest. Es gehe ihm nur um das Timing, daher warte man „bewusst“ ein paar Monate. An anderen Stellen wartet das Unternehmen allerdings nicht, in Rumänien und Indien sind bereits Spatenstiche für neue Werke erfolgt. Die Werke in den USA würden von der Kapazität her noch ausreichen, Planungen liefen aber weiter.

Am Ziel, drei Milliarden Euro Umsatz bis 2029/30 zu erreichen, hält Geißdörfer unbeirrt fest. „Wir haben einen klaren Plan, den wir weiterverfolgen. Wir sind auf Kurs, da gibt es keine anderen Zeichen“, ist er überzeugt. Sogar das Sorgenkind Wärmepumpen sieht Geißdörfer wieder wichtiger werden. Klimawandel, (Kühl-)Kapazitäten globaler Rechenzentren, Heiztechnologie – „da ergeben sich Chancen für uns“. Selbstbewusst spricht der Chef von guter Technik, die man entwickle, und „so vielen Projektanfragen wie noch nie“. Das ist insofern wichtig, als dass solche Anfragen nach der Erfahrung Geißdörfers mit gewissem Zeitverzug auch Umsatz bringen.

In Deutschland sollen Stellen abgebaut werden

Doch ein allgemein positiver Blick in die Zukunft muss für Deutschland nicht zwingend eine gute Nachricht sein. Denn „local for local“ bedeutet, dass das Unternehmen sich dort vergrößert, wo es Umsätze erwirtschaftet. Deutschland ist da im Vergleich zu Wachstumsmärkten wie den USA oder Asien nicht mehr so wichtig. Droht ein Stellenabbau vor Ort in den Werken Mulfingen, Hollenbach oder Niederstetten, wo zahlreiche Arbeitgeber aus dem Main-Tauber-Kreis arbeiten? „Grundsätzlich ist klar: Zur ‚local for local‘-Strategie gibt es keine Alternative. Man muss lokale Wertschöpfung aufbauen. Warum soll ich in Europa keinen Ventilator kriegen, nur weil in Indonesien eine Halbleiterproduktion stillsteht? Dafür haben Kunden kein Verständnis. Mittlerweile sagen chinesische Kunden, sie wollen keine amerikanischen Komponenten in ihren Produkten – und umgekehrt. Unsere Strategie ist da die einzige Chance. Wenn wir alles hier in Mulfingen machen würden, hätten wir ein Riesen-Problem“, leitet er seine Antwort ausführlich ein.

Einschnitte in der Produktion vor Ort sind allerdings nicht geplant: „Ganz im Gegenteil: Wir suchen aktuell noch Leute und gehen wieder Richtung Drei-Schicht-System. Auch mit Leiharbeitern arbeiten wir aktuell wieder, das gab es in der jüngeren Vergangenheit auch nicht mehr.“ Dennoch soll es Personalabbau im administrativen Bereich, der Verwaltung, geben. „Da haben wir momentan zu viele Leute an Bord, wir haben auch noch Kurzarbeit in der Verwaltung“, macht er deutlich. Der Mangel an der einen, der Überfluss an der anderen Stelle führt sogar dazu, dass man aktuell bei ebm-papst Leute in den verwaltenden Bereichen fragt, ob sie sich zumindest eine zeitweise Arbeit in der Fertigung vorstellen könnten.

Und wie geht der Chef eines globalen Unternehmens nun mit der hohen Schlagzahl an teils widersprüchlichen Aussagen in kurzen Abständen um? Eine langfristige Strategie helfe dabei, in unruhigen Zeiten den Kurs zu halten. Das gebe Orientierung für die Mitarbeiter. Klingt etwas wolkig, meint aber durchaus konkrete Schritte: So hat ebm-papst in der Vergangenheit bewusst Geschäftsfelder wie den Automobilbereich und aktuell auch die Industrietechnik abgestoßen, um in vielversprechenderen Märkten wie der Lufttechnik stärker präsent zu sein. Von diesem Schritt ist Geißdörfer selbst dann überzeugt, wenn dies zu kurzfristigen Einbußen führe. Denn die Bilanz des jüngsten Geschäftsjahres, die das Unternehmen Anfang Juli präsentiert, werde „ein deutliches“ Minus ausweisen. Denn der Ausstieg aus den Geschäftsfeldern bringt Einbußen von mehr als zehn Prozent des Gesamtumsatzes mit sich.

Für das laufende Geschäftsjahr, das seit Anfang April läuft, rechnet er allerdings wieder mit Wachstum. Allgemein blickt Geißdörfer positiv in die Zukunft seines Unternehmens: „Wir werden dieses Jahr so viele neue Produkte einführen wie noch nie. Bis zu 50 Prozent Steigerung bei der Energieeffizienz sind möglich. Es laufen sehr gute Gespräche mit Kunden, wir erschließen neue Marktsegmente. So generieren wir Wachstum, selbst wenn der Markt nicht wächst. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht!“

Über ebm-papst
  • Die ebm-papst-Gruppe ist ein Zusammenschluss der Unternehmen Elektrobau Mulfingen (EBM), Papst Motoren (St. Georgen) und Motoren Ventilatoren Landshut. Sitz der Gruppe ist in Mulfingen.
  • Das Unternehmen stellt Lüfter, Ventilatoren und Motoren her. Kernbranchen sind Klima-, Kälte- und Lüftungstechnik, aber auch Rechenzentren und Erneuerbare Energien.
  • Das Unternehmen hat im Geschäftsjahr 2023/24 einen Umsatz von 2,4 Milliarden Euro erwirtschaftet. Rund 60 Prozent des Umsatzes entfielen auf Deutschland und Europa.
  • Aktuell arbeiten knapp 14.000 Mitarbeiter an 27 Produktions- und 49 Vertriebsstandorten in elf Ländern.
  • Von insgesamt sieben deutschen Produktionsstandorten befinden sich drei in der Region (Mulfingen, Hollenbach und Niederstetten).

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