Fred Schulze, Werkleiter bei Audi, wünscht sich eine klare Strategie für die deutsche Industrie. Die Kosten für Arbeit und Energie sind hierzulande zu hoch.
Von Martin Bernhard
Neckarsulm. Wie kann es der deutschen Wirtschaft gelingen, China nicht mehr hinterherzulaufen? Fred Schulze, Werkleiter des Audi-Standorts Neckarsulm und Aufsichtsratsmitglied, arbeitete selbst für etwa drei Jahre als „Executive Vice President“ für Produktion und Produktmanagement bei „SAIC Volkswagen“ in Shanghai, einem Joint Venture zwischen Chinas „Shanghai Automotive Industry Corp“ und Volkswagen. „Am Ende sind es die Menschen, die den Unterschied machen, und die richtige Strategie“, stellte er bei einem Vortrag an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Mosbach fest.
„Andere Länder sind deutlich schneller und besser geworden als wir“, sagte er und nannte neben China auch Südkorea. „Wir stagnieren mit leichtem Rückgang.“ So sei man in China viel weiter als hierzulande, wenn es um „Smart Factorys“, also hochautomatisierte, digital vernetzte Produktionsstätten, geht, deren Technologie auf Künstliche Intelligenz (KI) und dem „Internet der Dinge“ basiert. Darin ist die Lieferkette bis zur Auslieferung beim Kunden eingeschlossen. So sei es möglich, in China eine individuell konfigurierte Waschmaschine zu bestellen, die innerhalb eines Tages produziert und an den Kunden geliefert werde.
Entscheidend für den Erfolg Chinas ist nach den Worten von Schulze, dass die Regierung fünf Felder definiert hat, in denen das Land Weltmarktführer werden will: Quanten-Computic, Humanize Robotic, Halbleitertechnik, KI und grüne Energie. „In diese Richtung investieren die Chinesen Milliarden“, erläuterte er. In China gelte Atomenergie als grün. Deshalb plane das Land den Bau weiterer Atomkraftwerke. In dem asiatischen Land herrsche eine große Jugendarbeitslosigkeit. Diese führe zu einem „Hunger bei jungen Menschen“, sagte Schulze. „In China gibt es keine Work-Life-Balance.“ Europa werde als „die alte Welt“ bezeichnet und nehme keine Vorbildwirkung mehr in Fernost ein.
„Warum haben wir in Deutschland nicht begriffen, dass wir mit dem Rücken zur Wand stehen?“
Fred Schulze
In demokratischen Staaten werde viel diskutiert und abgestimmt. Das führe zu langjährigen Prozessen. „Manchmal ist Diktatur bei wirtschaftlichen Dingen nicht schlecht“, merkte der Audi-Werkleiter an. Zudem sollte man Geld gezielt ausgeben und nicht nach dem Gießkannenprinizip. So plane China, in zwei Jahren 100 Dark Factorys in Betrieb zu nehmen, also Fabriken, in denen kein Mensch, sondern nur Roboter arbeiten. „Warum haben wir in Deutschland nicht begriffen, dass wir mit dem Rücken zur Wand stehen?“, fragte er und wies auf Firmenschließungen, Standortverlagerung von Unternehmen ins Ausland und hohe Entlassungszahlen hin.
Deutschland verfüge über keine klare Industriestrategie. Stattdessen diskutiere man hierzulande über die Risiken von KI. Dabei könne man mit Künstlicher Intelligenz die Produktivität in der Produktion um bis zu 40 Prozent steigern, im Bürobereich um bis zu 70 Prozent. „KI ist ein Werkzeug für Routineaufgaben“, stellte Schulze fest. „KI kann aber keine Empathie und Motivation entwickeln.“ Durch den Einsatz von KI drohten viele Menschen ihren Arbeitsplatz zu verlieren. „Was passiert mit den Menschen ohne Arbeit?“ Über die Frage müsse man in der Gesellschaft diskutieren.
Schulze sieht Deutschlands Stärken in der Qualität seiner Produkte, seinem guten Ruf und seiner Dualen Ausbildung. Die Schwächen lägen in zu viel Bürokratie, hohen Energie- und Arbeitskosten sowie in schlechten Bedingungen für Unternehmensgründer.
Bei der Entwicklung neuer Automodelle sind deutsche Hersteller deutlich langsamer als chinesische. So dauere dieser Vorgang in China 24 bis 30 Monate, in Deutschland 36 bis 53 Monate. „China entwickelt zunehmend digital“, erklärte Schulze den Unterschied in der Zeitdauer. Dort setze man zunehmend KI-gestützte Tools ein und teste mit digitalen Zwillingen, während in Deutschland die physische Erprobung von Neuentwicklungen üblich sei. China lege den Schwerpunkt seiner Entwicklungen auf Elektromobilität und fertige eine stark reduzierte Auswahl an Modellen. Eine solche Konzentration der Kräfte finde in Deutschland nicht statt. Hier ist man im traditionellen Autobau mit Verbrennermotoren tätig, aber auch im Bereich Elektromobilität. „Das bedeutet doppelte Investitionen“, stellte Schulze fest.
Hinzukomme, dass man in China mit „massiv reduzierten Kosten“ produziere. Energie sei günstiger, Lieferketten befänden sich oft komplett innerhalb des eigenen Landes, und die Personalkosten seien deutlich geringer. Bei deutschen Herstellern würden auch komplexe interne Prozesse Zeit und Geld kosten. „Wir sollten wieder Mut haben, die Dinge zu machen, die kein anderer macht“, forderte Schulze.
Bei Audi ist man bestrebt, den in Deutschland bestehenden strukturellen Mängeln entgegenzuwirken. In diesem Zusammenhang lobte Schulze das „einmalige Ökosystem“ in Heilbronn, das durch das IPAI geschaffen wurde, einem Innovationspark für Künstliche Intelligenz. Bei Audi gelte, dass jeder Mitarbeiter mit KI arbeiten können müsse. Wie der Automobilkonzern diese Technik einsetzt, schilderte Schulze an mehreren Beispielen. So lasse man automatisch überprüfen, ob Teile richtig verbaut worden seien. Im Rahmen der Oberflächenprüfung stellen Roboter fest, ob der Lack Kratzer, Dellen oder Fehler aufweist, und das wesentlich schneller und genauer, als dies Menschen tun könnten. Auch Energie spart der Autokonzern dank KI-gestützter Steuerung, und zwar bis zu 30 Prozent beim Aushärten von Karosserien. Digitale Prüfer erkennen auch unliebsame Schweißnähte und entfernen diese. Beim Erstellen von Lastenheften und der Prüfung von Angeboten ist die KI ebenfalls behilflich. Nach den Worten von Schulze spare man bei dieser Arbeit mit diesen Helfern bis zu 30 Prozent an Zeit bei besserer Qualität. Schließlich vernetze man Systeme in der Produktion zentral über eine Cloud. Das schaffe mehr Effizienz und verringere so die Kosten.
Studenten rät der Werkleiter: „Wenn ihr eine Aufgabe kriegt, zieht durch! Zeigt Einsatz! Seid keine Bedenkenträger, sondern setzt einfach mal um!“
Daten und Fakten zu Audi:
- Der Produktionsstandort in Neckarsulm geht auf eine 1873 in Riedlingen an der Donau gegründete Strickmaschinenfabrik zurück. 1880 verlegte diesen ihren Sitz nach Neckarsulm.
- Die Grundfläche des Werks beträgt 1.350.000 Quadratmeter.
- Im vergangenen Jahr wurden dort 181.454 Fahrzeuge produziert.
- Audi beschäftigt am Standort Neckarsulm 15.509 Mitarbeiter. Hier werden die Modelle A5, A6, A8 und e-tron GT sowie deren Derivate gefertigt.
- Der Standort Neckarsulm nimmt im Konzern als Kompetenzzentrum für Künstliche Intelligenz und Digitalisierung eine wichtige Rolle ein.
- Mit der Zukunftsvereinbarung sichert Audi die Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftssicherheit der deutschen Standorte und richtet die Teamaufstellung fokussiert und konsequent an den Anforderungen der Zukunft aus. Dazu gehört bis 2029 der sozialverträgliche Abbau von bis zu 7.500 Stellen in Unternehmensbereichen, die nicht direkt in die physische Produktion der Fahrzeuge (Montage, Presswerk, Karosseriebau) eingebunden sind. Die Beschäftigungssicherung für die Stammbelegschaft gilt nach Angaben des Unternehmens bis Ende 2033.












