Wassertechnik Wertheim bindet Mitarbeitende über Aktien an die Firma. Das Modell bringt Zusatzeinkommen und sichert eine lange Betriebszugehörigkeit.
Von Gerd Weimer
Bei der Wassertechnik Wertheim sind die Mitarbeiter nicht nur Angestellte – viele von ihnen sind auch Mitinhaber. Das Unternehmen, beheimatet im Bestenheider Kiesweg, lebt ein besonderes Mitarbeiterbeteiligungsmodell, das in der Wirtschaft Seltenheitswert hat. Nach Schätzungen eines Verbands bieten aktuell nur etwa zwei bis drei Prozent aller Unternehmen ihren Beschäftigten Beteiligungsmodelle an. Fast ausschließlich sind es größere, meist börsennotierte Unternehmen, die solche Programme auflegen.
Die Wassertechnik Wertheim gehört eigentlich nicht zu diesem Kreis, sondern firmiert unter der Rechtsform einer GmbH & Co. KG. Hinter der Kommanditgesellschaft (KG) steckt allerdings eine Mitarbeiter-Aktiengesellschaft (AG), deren Anteile nicht an der Börse gehandelt werden, sondern ausschließlich den Mitarbeitenden gehören. Die AG hält 24 Prozent der Unternehmensanteile. „Das ist das Maximum, was man aus unserer Sicht machen kann“, erklärt Geschäftsführer Jürgen Elgg. Mit mehr als 24,9 Prozent würde die Belegschaft über eine Sperrminorität verfügen, was die Unternehmensführung erheblich erschweren würde“, erläutert Elgg. Die restlichen 76 Prozent liegen bei vier weiteren Gesellschaftern, darunter auch die aktuellen Geschäftsführer.

Die Idee hatte der frühere Chef und Mitgründer Eberhard Rausch, der das Unternehmen 1999/2000 in diese Rechtsform umwandelte (siehe auch Hintergrund). Ziel war es, die Mitarbeiter zu beteiligen, aber die Handlungsfähigkeit des Unternehmens zu sichern. Daher darf der Vorstand der AG laut Satzung „nur aus Personen bestehen, die Geschäftsführer sind oder waren“, wie Daniel Nagy, ebenfalls Geschäftsführer, erklärt. Dies vermeide Interessenskonflikte.
Ein dreiköpfiger Aufsichtsrat, besetzt mit externen Experten, die das Unternehmen gut kennen und einen Bezug zu ihm haben, kontrolliere den Vorstand, so Nagy. Diese Struktur sei bewusst gewählt, um Stabilität zu garantieren. Außerdem könne der Aufsichtsrat so als „Sparringspartner für den Vorstand dienen“, erklärt der frühere Geschäftsführer Uwe-Karsten Dürr, der jetzt als Vorstandsmitglied der Mitarbeiter AG fungiert.
Struktur sichert die Handlungsfähigkeit
Der Einstieg in die AG sei bewusst niederschwellig gehalten. „Wir wollen, dass jeder dabei sein kann“, betont die Unternehmensleitung. Jeder neue Mitarbeiter erhalte nach der Probezeit zehn Aktien geschenkt. „Die schenken wir als Geschäftsführer“, fügt Jürgen Elgg hinzu. Wäre es ein Geschenk der Firma, fiele Lohnsteuer an.
Mit den Aktien erhält jeder das Recht zur Teilnahme an der jährlichen Hauptversammlung. Dort legt die Unternehmensführung „tiefgreifende Informationen“ und das „Zahlenwerk“ vor. Daraus ergebe sich eine andere Kultur, als wenn man die Leute lediglich mit Geld beglückt. Es schaffe Transparenz und biete eine Bühne für Anliegen. Einen Betriebsrat gibt es übrigens bei der Wassertechnik Wertheim nicht. Laut Unternehmensleitung sei die Mitsprache über das Beteiligungsmodell und die Hauptversammlung bereits ausreichend gewährleistet.
Als das Modell startete, wurden den Mitarbeitern je nach Zugehörigkeit und Funktion weitere Aktienpakete angeboten. „Pro Aktie haben die Mitarbeiter einen Euro bezahlt“, erklärt Jürgen Elgg. Der Nennwert der Aktien liege höher, erläutert der Geschäftsführer, will aber aus Diskretionsgründen den Wert nicht beziffern. Jedenfalls sei die Differenz zwischen den Beträgen von der Wertheimer Volksbank über einen Kredit finanziert worden, der über die Ausschüttung getilgt wurde.
Rendite deutlich über DAX-Niveau
Zunächst hätten sich einige Mitarbeitende zurückhaltend verhalten. Doch der „wahre Wert des Modells zeigte sich, als die Kredite getilgt waren und die Dividende ausgezahlt wurde“. Dann sei die „Nachfrage explodiert“, erinnert sich Uwe-Karsten Dürr. Die Rendite sei beachtlich. „Die Dividende war höher als alles, was es bei Unternehmen des DAX gibt.“ Die Geschäftsführung spricht von einem „deutlich zweistelligen Prozentbereich“ jährlich.
Das Geld sei aber nur ein Aspekt. Es gehe um Motivation und Identifikation. „Viele sagen sich: Das ist mein Stück Wassertechnik. Für das, was ich in meine Firma investiere, bekomme ich am Ende mehr zurück“, erklärt die Leitung. Mancher einer habe sich dank der „warmen Dusche“ im Sommer einen Urlaub oder eine größere Investition im Eigenheim leisten können.
Diese Identifikation schlägt sich in der Loyalität nieder. Die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit lag vor zwei Jahren bei 13 Jahren – Auszubildende eingerechnet. „Das ist extrem hoch“, meint Daniel Nagy. Erst kürzlich sei eine Mitarbeiterin für 50 Jahre Zugehörigkeit geehrt worden. „Die Leute bleiben lange dabei.“
Das Modell diene auch der Stabilität. Anteile sind an die Anstellung gebunden. „Wenn jemand aus der Firma aussteigt, muss er seine Anteile verkaufen.“ Das Gleiche gilt auch für die Gesellschaftsanteile der Geschäftsführer. Dies sichere interne Lösungen, wie den reibungslosen Übergang von Uwe-Karsten Dürr auf Daniel Nagy, der sich als Eigengewächs des Betriebs hochgearbeitet hat.
Diese Stabilität zeigt sich auch in den Finanzen. Das Unternehmen finanziere Investitionen „ausschließlich aus dem laufenden Geschäft“. Die Eigenkapitalquote sei „sehr gut“. Nähere Angaben wollen die Geschäftsführer nicht machen. Die Devise laute: „Company first.“ Das Modell der Wassertechnik sei somit mehr als eine Kapitalbeteiligung, sondern ein kulturelles Fundament, das die Mitarbeiter zu Mit-Unternehmern macht.
Transparenz und erfolgsorientiertes Denken
Doch wie sehen das die Mitarbeiter selbst? Ralph Ries, seit 31 Jahren im Betrieb und Gründungsmitglied der Mitarbeiter-AG, kann keine Nachteile erkennen. Man werde nicht dazu gezwungen. „Es ist eine Kapitalanlage, bei der ich mitmischen kann“, ergänzt Jannick Schröck. Im Gegensatz zu einer börsennotierten Aktie habe man die Wertentwicklung hier „ein bisschen mehr in der Hand“. „Bisher ist der Aktienwert nur gestiegen“, stellt Ralph Ries fest.
Rosa-Maria Brand, seit über 50 Jahren im Unternehmen, fand die Idee „von Anfang an ganz toll“. Es sei ein Ansporn, „wenn man sieht, dass man am Ende für seine Arbeit mit noch mehr als dem normalen Gehalt belohnt wird.“ Yvonne Steudel ergänzt: Der Gedanke dahinter sei, dass die Mitarbeiter „eine andere Einstellung“ entwickeln, „ein bisschen wirtschaftlicher denken“ und letztlich „davon profitieren“.
Jannick Schröck nennt als entscheidenden Vorteil die Transparenz. „Die Geschäftsführung legt viele Zahlen offen, die es sonst in einem mittelständischen Unternehmen nicht zu sehen gibt“, betont er. Das sei ein Anreiz, noch mehr zum Erfolg des Unternehmens beizutragen
In der Anfangsphase sei das Interesse nicht so groß gewesen, weil es wegen der dividendenbasierten Tilgung des Kredits keine Ausschüttungen gegeben habe. Als die Dividenden ausgeschüttet wurden, sei das Interesse massiv gestiegen, erinnert sich Ralph Ries.
Das ursprüngliche Ziel des Seniorchefs, verdiente Mitarbeiter an die Firma zu binden, sei damit aufgegangen. Auf der AG-Hauptversammlung gehe es nicht nur um trockene Zahlen, wie die Verwendung des Gewinns. Auch Themen wie Personalgewinnung spielten eine Rolle, erläutert Yvonne Steudel. Größere Diskussionen über die Unternehmensstrategie fänden nicht statt. Denn: „Meistens sind die Zahlen sehr gut“, erklärt Ralph Ries mit einem Lächeln im Gesicht. „Wir haben in der ganzen Zeit keine Krise gehabt“, bilanziert Rosa-Maria Brand.












