Was Schulen jetzt brauchen: aim-Chef Marco Haaf über Basiskompetenzen und KI.
Von Sabine Holroyd
Marco Haaf ist seit Februar 2024 Geschäftsführer der Akademie für Innovative Bildung und Management Heilbronn-Franken (aim). Im Interview äußert er sich unter anderem zur KI, zur „Heilbronner Liste“ und zu einer Vision, die wohl unerreichbar ist.
Tauber-Odenwald. Die Weiterbildungseinrichtung aim engagiert sich im Bereich Sprachförderung, Unterstützung pädagogischer Qualität in Kindergärten und Schulen sowie Digitalisierung im pädagogischen Bereich. Vor seinem Wechsel zur aim war Marco Haaf mehr als 20 Jahre im Schuldienst in Baden-Württemberg tätig, zuletzt als geschäftsführender Schulleiter der Neckarsulmer Schulen.
Herr Haaf, die aim hat sich seit ihrer Gründung 2002 rasant weiterentwickelt. Wie fühlt es sich an, Geschäftsführer dieser erfolgreichen Akademie zu sein?
Marco Haaf: Das fühlt sich super an. Ich bin dankbar und demütig, diese Aufgabe wahrnehmen zu dürfen, weil ich natürlich dem Vertrauen des Stifters gerecht werden möchte. Gleichzeitig gibt es ein hohes öffentliches Interesse, denn wir haben auch gegenüber der Gesellschaft eine Verantwortung für unser Tun.
Wie herausfordernd ist das?
Haaf: Die große Herausforderung liegt für mich persönlich darin, dass unsere Vision eigentlich unerreichbar ist. Nehmen Sie die Sprachförderung: Der Traum wäre, dass jedes Kind, wenn es in die erste Klasse kommt, perfekt Deutsch spricht, mit einem großen Wortschatz. Oder dass jedes Kind die Mindeststandards in Deutsch und Mathe erfüllt, wenn es die vierte Klasse beendet. Das ist utopisch. Trotzdem hat sich die aim genau das als Vision vorgenommen: Alle Kinder und Jugendliche nutzen ihre Bildungschancen.

aim-Geschäftsführer Marco Haaf. Bild: aim/Sandra Haaf
Internationale Studien zeigen Defizite bei Grundschülern in Lesen und Rechnen. Wie unterstützt die aim Grundschulen konkret dabei, diese Basiskompetenzen wieder zu stärken?
Haaf: Auf drei Ebenen. Wir fördern Kinder direkt in Schulen und Kitas. Wir bieten Fortbildungen für pädagogische Fachkräfte und wollen sie bei ihrer Arbeit unterstützen, damit Kinder diese Basiskompetenzen wieder besser erlernen. Und wir unterstützen innovative Projekte, um in der Forschung und auf politischer Ebene weiterzukommen.
Haben Sie dafür ein Beispiel?
Haaf: Ein Beispiel ist der Modellversuch „RobotErzählen“, bei dem ein KI-Roboter die Schüler in mehreren Heilbronner Grundschulen zum Geschichten erzählen anregt. Solche innovativen Projekte unterstützen wir – auch wenn noch offen ist, was im Ergebnis dabei herauskommen wird. Wichtig ist, dass man Dinge ausprobiert.
Wie wirkt die Arbeit der aim in die Region Heilbronn-Franken?
Haaf: Unsere Fortbildungen und Angebote stehen allen Lehrkräften, Schulleitungen, pädagogischen Fachkräften sowie Schülern jederzeit zur Verfügung. Unser Schwerpunkt liegt auf Heilbronn und dem Bildungscampus der Dieter Schwarz Stiftung. Vieles passiert aber auch vor Ort, in den Institutionen. Wenn beispielsweise eine Kita ihr pädagogisches Konzept ändern will, unterstützen wir die Einrichtung zwei Jahre lang. Genauso bieten wir unsere Sprachförderungen und Matheförderungen an vielen unterschiedlichen Schulen an. Unser Angebot ist dabei keine Konkurrenz zu staatlicher Förderung, sondern eine Ergänzung. Dort, wo es Juniorklassen gibt, unterstützen wir ganz speziell. Wir haben mit unserer Arbeit die gesamte Region im Blick: Zum Beispiel mit unserem Fachtag für pädagogische Fachkräfte zu herausforderndem Verhalten in der Kita, der am 6. Oktober in Tauberbischofsheim stattfindet.
Welche Rolle spielen der Bildungscampus in Heilbronn und die Zusammenarbeit mit der Dieter-Schwarz-Stiftung für die aim?
Haaf: Alle unsere Angebote können wir aufgrund der Unterstützung der Dieter Schwarz Stiftung kostenlos anbieten. Das ist einzigartig.
Sie arbeiten an einer „Heilbronner Liste“, mit der digitale Anwendungen für den Unterricht nach bestimmten Kriterien eingeordnet werden. Welche drei KI-Tools sollte heute jede Lehrkraft kennen – und welche sind überhaupt sinnvoll?
Haaf: Die Heilbronner Liste soll genau für solche Fragen eine Orientierung geben. Mit ihr entsteht eine Plattform, die digitale Bildungsanwendungen wissenschaftlich fundiert einordnet. Wir prüfen dafür folgende Kriterien: pädagogisch-didaktische Eignung, Lerneffizienz, Technik und Praktikabilität, Ethik sowie Datenschutz und Recht. Klar ist: Es gibt nicht das eine Werkzeug für alle Anwendungen. Wenn ich einen Nagel in die Wand schlagen will, nehme ich keinen Schraubenzieher. Genauso gibt es in der Schule verschiedene Anforderungen.
Was bedeutet das für Lehrkräfte?
Haaf: Ich denke, dass jede Lehrkraft eine gewisse KI-Kompetenz haben sollte. Sie muss schon in Grundzügen wissen, wie generative Systeme und Large-Language-Modelle funktionieren. Wer diese Kompetenz hat, kann auch das richtige Tool auswählen. Es ist ein großer Unterschied, ob ich ein Arbeitsblatt zum Dividieren für Klasse 3 oder erstelle oder ob ich möchte, dass KI Abituraufsätze im Fach Deutsch korrigiert. Da gibt es allein beim Datenschutz andere Herausforderungen.
Und zwar?
Haaf: Für das Arbeitsblatt zum Dividieren kann ich jede generative KI verwenden, egal ob sie aus den USA oder China kommt. Wenn ich meine Deutsch-Abituraufsätze korrigieren lassen möchte, müsste ich mir eigentlich ein eigenes Small-Language-Modell bauen und trainieren, mithilfe von Sekundärliteratur und meinem Erwartungshorizont. Wenn ich das auf deutschen oder europäischen Servern laufen lasse, wäre das datenschutzrechtlich sauber. Aber ich möchte den Deutschlehrer sehen, der so etwas baut – von den Kosten mal ganz zu schweigen.
Was folgt daraus? Wie soll man KI im Unterricht einsetzen?
Haaf: Das Beispiel zeigt, wo momentan die Grenzen sind. Die EU hat mit ihrer KI-Verordnung festgelegt, dass manche KI-Systeme im Bildungsbereich als Risikotechnologie gelten. Das heißt aber nicht, dass man sie in der Schule nicht nutzen darf – im Gegenteil. Jede Lehrkraft sollte ihre Schülerinnen und Schüler auf eine Welt vorbereiten, in der KI nicht mehr wegzudenken ist. Genauso wie das Internet nicht mehr verschwindet, wird die KI bleiben.













