Die Kommunikation in den Betrieben hat sich stark verändert. Die FN wollten wissen, was sich die Chefs von flacheren Hierarchien versprechen.
Von Michael Fürst und Sabine Holroyd
Tauber-Odenwald. Die folgende, frei erfundene Szene spielt sich im Jahr 1991 ab: Es klopft an der Tür zum Büro des Geschäftsführers eines mittelständischen Unternehmens. Bestimmt, fast schon ein wenig schroff, ruft der Chef nach ein paar Sekunden: „Herein!“ Die Türe öffnet sich einen Spalt; hinein schlüpft die Auszubildende Michaela Edelmayer. „Herr Ackermann“, sagt sie leise und fast schon ein wenig devot, „es ist mir sehr peinlich, aber könnten Sie mir morgen bitte einen Tag Urlaub gewähren? Mein Auto ist kaputt, und ich muss es in die Werkstatt bringen.“ „Unfall gehabt?“, fragt Herr Ackermann mit geheucheltem Interesse. „Nein“, erwidert Frau Edelmayer, „das Auto springt einfach nicht mehr an; es muss abgeschleppt werden.“ „Na gut, Frau Edelmayer. Lassen Sie sich in der Personalabteilung diesen Tag als Urlaub eintragen. Übermorgen sind Sie aber wieder da!“, sagt der Geschäftsführer bestimmt. „Auf jeden Fall!“, sagt Frau Edelmayer erleichtert, „ich danke Ihnen!“
35 Jahre später stellen sich Situation und Konversation wie folgt dar: Es klopft an der Tür zum Büro des Geschäftsführers eines mittelständischen Unternehmens. Locker und recht fix ruft der Chef: „Ja bitte, nur herein!“ Die Tür springt auf; hinein tritt die Auszubildende Michaela Edelmayer. „Ulrich“, sagt sie locker und selbstbewusst, „kannst du mir morgen bitte einen Tag Urlaub geben? Mein Auto ist kaputt, und ich muss es in die Werkstatt bringen.“ „Oha, hattest du einen Unfall?“, fragt Herr Ackermann fast schon ein wenig besorgt. „Nein“, erklärt Frau Edelmayer, „das Auto springt einfach nicht mehr an; es muss abgeschleppt werden.“ „Na gut, Michaela. Reich‘ den Urlaubsantrag gleich digital ein, ich genehmige ihn sofort. Ich hoffe, du kannst übermorgen wieder da sein“, sagt der Geschäftsführer aufgeschlossen. „Na klar“, antwortet Frau Edelmayer erleichtert, „ich danke dir!“
In den meisten Betrieben der Region hat in den vergangenen Jahren die Duz-Kultur Einzug gehalten. Steile Hierarchien, der Chef mit Anzug und Krawatte, Anweisungen im Befehlston und steife Sie-Anreden – solcherlei Gebaren sind mittlerweile antiquiert. Während die Hierarchien zuletzt immer flacher wurden, der Chef im bequemen Pulli in die Besprechung kommt und die Ansagen freundlich formuliert sind, hat sich jüngst das Du mehr und mehr etabliert.
Auf Du und Du – unterschiedliche Herangehensweisen
Wir haben dazu stellvertretend einige Unternehmen aus der Region befragt. Seit 2021 ist zum Beispiel bei der Firma Ansmann aus Assamstadt das Du in. „Dies war ein bewusster Schritt, um die Kommunikation und Zusammenarbeit auf allen Ebenen zu fördern“, sagt Christopher Vogt von der Unternehmenskommunikation auf Anfrage unserer Zeitung.
Auch bei den Fränkischen Nachrichten wird geduzt – und zwar seit der After-Work-Party 2023. Damals führte Geschäftsführer Jochen Eichelmann das Du am Ende seiner offiziellen Ansprache ein: „Ich bin ab jetzt gerne der Jochen.“ Und so war es ab da auch. Etwas anders gestaltete sich der Prozess bei der Sparkasse Tauberfranken: „Es war ein mehrstufiger Prozess. Zunächst hat der Vorstand eines Führungskräfteseminars den Teilnehmern das Du angeboten und empfohlen, es den Mitarbeitenden ebenfalls aktiv anzubieten. In der Folge nahm der Vorstand an Mitarbeiter-Besprechungen teil und hat den Mitarbeitenden dabei jeweils das Du persönlich angeboten“, erläutert Peter Vogel, Vorsitzender des Vorstands. Deutlich einfacher verhält es sich bei der Firma „Kuhn GmbH Technische Anlagen“ aus Höpfingen: „Bei uns duzt man sich schon immer“, berichtet Janis Kuhn von dort.
Die Frage, die sich regelrecht aufdrängt, ist doch die: Was versprechen sich die Unternehmen eigentlich davon, wenn sich plötzlich alle duzen? Mehr Umsatz? Mehr Gewinn? Bessere Arbeitsleistung jedes Einzelnen? Bei den Antworten der Unternehmen wird deutlich, dass monetäre Absichten primär keine Rolle spielen – nachgelagert freilich schon, weil sich die Bosse durch ein verändertes Betriebsklima am Ende eine bessere Produktivität ihrer Mitarbeiter erhoffen und vielleicht auch erwarten. Die Antworten unserer ausgewählten Unternehmen unterscheiden sich zwar im Wortlaut, inhaltlich zielen sie aber auf das Gleiche ab.
Mehr Du: „Mehr Qualität und Innovation“
„Wir versprechen uns in erster Linie eine deutliche Förderung des Vertrauens sowie eine Reduzierung der Distanz zwischen allen Mitarbeitenden – unabhängig von ihrer Position in der Hierarchie. Insbesondere im Hinblick auf die jüngeren Generationen, die zunehmend in den Arbeitsmarkt eintreten, sehen wir darin einen entscheidenden Vorteil“, sagt Christopher Vogt von Ansmann. Eine weniger formelle Anrede könne Barrieren abbauen, die Kommunikationsbereitschaft erhöhen und ein Gefühl der Zugehörigkeit stärken. Und weiter: „Als innovatives Unternehmen im Bereich mobiler Energielösungen ist es uns ein Anliegen, ein modernes und offenes Arbeitsumfeld zu schaffen, das Kreativität und Teamarbeit begünstigt. Wir sind überzeugt, dass dies direkt zur Qualität und Innovationskraft unserer Produkte und Dienstleistungen beiträgt.“












