Wie mit „Hochspannung“ aus einer Assamstadter Garagenfirma ein Weltmarktführer wurde.
Von Klaus T. Mende
Assamstadt. Wenn man Kurt Scheuermann heute gegenübersitzt, spürt man sofort: Dieser Mensch hat keine Batterien im Rücken, er hat einen Hochleistungsakku im Herzen. Mit 65 Jahren ist der langjährige Prokurist der Ansmann AG zwar offiziell im Ruhestand. Doch wer glaubt, dass er die Füße stillhält, der kennt jenen Mann nicht, der vor 35 Jahren mit nichts als einem Schreibtisch und einer Vision in einem Assamstädter Wohnhaus antrat, um die Welt der Energieversorgung zu revolutionieren.
Der Moment, als die Welt kurz stillstand
Die Geschichte der Ansmann AG beginnt nicht in einem gläsernen Tower, sondern mit einem Moment tiefer Stille. 1991, Edgar Ansmann, damals Geschäftsführer eines Elektronikbetriebs, die Übernahme durch einen Mitbewerber. „Das war der Moment der Wahrheit“, erinnert sich Kurt Scheuermann. „Die neuen Besitzer wollten unsere Innovationen wegschließen, alles nach Ostwestfalen verlagern. Edgar stand vor der Wahl: Lügen oder Gehen.“
Er ging. Aber nicht irgendwohin, sondern für 14 Tage ins Schweigekloster. „Ohne Plan B, ohne Kapital, aber mit vier Töchtern und einer mutigen Frau im Rücken“, erzählt Scheuermann mit einem Schmunzeln. Als Ansmann dann aus der Stille zurückkehrte, war das Wort „unmöglich“ aus seinem Wortschatz gestrichen. Die Firma wurde am 15. April 1991 gegründet. Und wer war der Mann, den er als Erstes anrief? Kurt Scheuermann.
„Kurt, hast du Lust?“ – Der Startschuss im Kinderzimmer
Scheuermann und Ansmann kannten sich von früher, sie waren ein eingespieltes Team. „Edgar wusste, dass ich auch weg wollte. Er meldete sich und fragte: ‚Hast du Lust, bei mir anzufangen?‘“ Scheuermann hatte Lust. Aber was er vorfand, war (noch) weit entfernt von einem Konzern-Headquarter.
„Wir hatten eine Doppelgarage als Lager, ein kleines Zimmerle für mich und ein Kellerräumle für Edgar“, lacht Kurt Scheuermann heute. „In der Garage war es zu kalt, also haben wir die Akkus in der hintersten Kellerecke gelagert.“ Insgesamt 60 Quadratmeter „Hightech-Areal“. Scheuermanns erste Amtshandlung? „Ich musste mir erst mal einen Stuhl und einen Schreibtisch kaufen. Dann EDV, Drucker – ich habe die ganze Struktur von Null aufgebaut, während Edgar draußen als Top-Verkäufer die Welt begeisterte.“
Schon damals, lange bevor Nachhaltigkeit zum Modewort wurde, war das Ziel klar: Wegwerf-Batterien den Kampf ansagen. „Ein Akku ersetzt bis zu 1000 Batterien“, erklärt Scheuermann mit fast schon missionarischem Eifer. „Wir wollten die Welt etwas besser machen.“
Die ersten Produkte? Ladegeräte und Akkus, entwickelt von einem Studienkollegen in Ödheim. Die Verpackung? „Recycelte Pappe, kein Plastik. Wir waren Öko, bevor es cool war.“ Doch der Markt war grausam. „Uns wurden die Produkte aus den Pappschachteln geklaut. Die Händler sagten: ‚Entweder ihr macht Plastik drum oder ihr fliegt raus.‘ Wir mussten unser Mindset ändern, um zu überleben, aber der Kern blieb immer gleich: Energie, die bleibt.“
Krimi in Hannover: Der Raub der Prototypen
Einer der humorvollsten, aber damals nervenaufreibendsten Momente war der erste Messeauftritt auf der Hannover-Messe. Man hatte keinen eigenen Stand, sondern durfte bei einem Partner mit unterkriechen. „Wir hatten unsere erste Mustertafel dabei – unsere ganzen Schätze“, erinnert sich Scheuermann. Doch am ersten Abend schlug das Schicksal zu: Die Tafel wurde geklaut.
„Wir hatten nichts mehr! Gar nichts!“ Ein Desaster? Nicht für ein Team wie Ansmann und Scheuermann. „Wir haben die Geschichte auf jedem Abendevent erzählt. Alle wollten wissen: Wer sind die Jungs, denen man die Produkte schon am ersten Tag klaut? Es war die beste PR, die wir je hatten. Wir haben die Story regelrecht ausgeschlachtet.“

Ein Blick auf das Portfolio in den Anfangszeiten der Firma Ansmann, das auf der Hannover-Messe ausgestellt wurde. Bild: Ansmann
Der Tausendsassa und sein Anker
Kurt Scheuermann beschreibt Edgar Ansmann als einen „Tausendsassa“. „Er konnte die Leute begeistern – Kunden, Mitarbeiter. Den Sportverein hat er nach vorn gebracht. Er war Schöffe, im Gemeinderat, jeden Sonntag in der Kirche. Ich weiß bis heute nicht, wie ein Mensch das alles allein schaffen konnte.“
Scheuermann selbst war der Gegenpol. Der Mann der Zahlen, der Strukturen, der Logistik. „Edgar ist manchmal abgehoben vor lauter Visionen, ich war derjenige, der ihn unten gehalten hat. Und umgekehrt hat er mich inspiriert, mal über den Tellerrand zu schauen.“
Von der Garage zum Global Player
Der Durchbruch kam 1995 mit dem „Powerline 4“. Ein Ladegerät, das Maßstäbe setzte. Plötzlich war Ansmann kein kleiner Garagenbetrieb mehr. Man expandierte nach China, gründete ein Office in Hongkong. „Nicht nur wegen der Kosten“, stellt Kurt Scheuermann klar, „sondern weil wir hier die Kapazitäten für diese Massen gar nicht gehabt hätten. Aber das Gehirn, die Entwicklung, das blieb immer hier in Assamstadt.“
Heute hat die Firma 280 Mitarbeiter vor Ort und 500 weltweit. Längst geht es nicht mehr nur um Mignon-Akkus. Medizintechnik, Industrielösungen und vor allem E-Bikes sind die Standbeine. „Wir haben die Fahrradindustrie quasi mit aufgebaut, als die auf uns zukamen und nach Steuerungen und Akkupacks fragten“, so der „Mann der ersten Stunde“.
Menschlichkeit als Währung im Unternehmen
Trotz des Erfolgs blieb die Bodenständigkeit das wichtigste Gut. „Edgar hat nie für eine Yacht gearbeitet. Jeder Cent floss zurück in die Firma“, sagt Scheuermann. Und noch etwas war heilig: die Augenhöhe. „Ob Reinigungskraft oder Vorstand – wir haben miteinander geredet, nicht übereinander. Das war das Geheimnis: Die Mannschaft wurde immer mitgenommen.“
Sogar die Familie half in den wilden Anfangsjahren mit. „Edgars Schwester Rosalinde hat im Keller Geräte verpackt, beim Bruder Reiner war die Garage vollgestellt, bei den Tanten und Onkeln die Scheune. Insgesamt hatten wir sieben Außenlager. Wenn ein Kunde anrief, bin ich durchs Dorf gefahren, habe alles zusammengesucht und verpackt.“
Nach 35 Jahren hat Kurt Scheuermann nun losgelassen. „Ich habe mich darauf vorbereitet. Man muss rechtzeitig abgeben können“, sagt er weise. Dass er heute glücklich verheiratet ist und zwei erwachsene Kinder hat, verdankt er übrigens – wie könnte es anders sein – dem Schicksal der Firma. „Wegen des neuen Jobs bei Ansmann musste ich meinen Urlaub umbuchen. In Singapur habe ich dann meine Frau kennengelernt. Ein Mädchen aus Niederbayern in Singapur – ohne den Jobwechsel wäre das nie passiert.“
Wenn Kurt Scheuermann heute auf das Werksgelände blickt, sieht er nicht nur Hallen. Er sieht Leidenschaft, Fleiß und eine Menge Watt. „Ich bin stolz darauf“, sagt er schlicht. Und man glaubt es ihm sofort. Die Ansmann-AG ist das Erbe zweier Männer, die bewiesen haben, dass man mit einer guten Idee und einer Doppelgarage tatsächlich die Welt verändern kann.
Assamstadt kann stolz sein auf seine „Energiemacher“. Und Kurt Scheuermann? Der bleibt der Firma als „Ratgeber im Hintergrund“ erhalten. Denn ein echter Akku ist eben nie ganz leer.

Nach 35 Jahren bei Ansmann ist Urgestein Kurt Scheuermann jetzt im Ruhestand. Bild: Klaus T. Mende












