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„Jeder einzelne hat seine Pflichten“

Aug. 12, 2026 | Allgemein

Das Handwerk sucht stets Nachwuchs. Besonders im Bereich Ernährung, zum Beispiel im Bäckerhandwerk, ist der Bedarf an Fachkräften groß. Bild: Robert Michael/dpa
Das Handwerk steht vor großen Herausforderungen – und sieht zugleich neue Chancen. Kreishandwerksmeister Timo Szabo im Sommerinterview.

Von Sabine Holroyd

Künstliche Intelligenz und Digitalisierung verändern auch das Handwerk. Kreishandwerksmeister Timo Szabo sieht darin im Sommerinterview vor allem eine Chance: Wenn Routineaufgaben einfacher werden, bleibt mehr Zeit für das, was Betriebe wirklich voranbringt.

Kreishandwerksmeister Tim Szabo aus Wertheim. Bild: Sina Wollny/Autohaus Szabo


Herr Szabo, Sommer bedeutet für viele Menschen Urlaub. Können sich Handwerker überhaupt eine Auszeit leisten? Oder bleibt dafür im Betriebsalltag kaum Zeit?

Timo Szabo: Handwerke sind in der Regel gut ausgelastet, weil der Nachwuchs die letzten Jahre gefehlt hat. Dazu kommt, dass es viele selbstständige Handwerker gibt. Der Verzicht auf Auszeit liegt eher auf der Selbständigkeit begründet – dieses Problem haben vermutlich die meisten Unternehmer. Wer sich allerdings keine Auszeit gönnt, wird irgendwann dazu gezwungen. Am Ende halte ich es auch für eine Frage der Organisation, der nötigen Einschätzung und des Umgangs mit sich selbst. Ich glaube, als motivierter Unternehmer ist das schwierig, aber lösbar.

Wie würden Sie die derzeitige Stimmung unter den Handwerksbetrieben im Innungsbezirk beschreiben?

Szabo: Sicherlich gemischt. Aber grundsätzlich sind wir das Handwerk und nehmen schon immer Herausforderungen an. Veränderung schlägt grundsätzlich auf die Stimmung. Wir müssen dahin kommen – vermutlich nicht nur im Handwerk – dass Veränderung die Tageskonstante ist, mit der wir umgehen müssen.

Gibt es Branchen, die derzeit besonders unter Druck stehen – und woran liegt das?

Szabo: Es gibt Branchen, die auch historisch betrachtet einen kleineren Zähler in der Aufteilung verzeichneten. Wenn dann insgesamt Bedarf und Realität auseinander driften, geraten genau diese Branchen unter Druck. Bekleidung, Nahrung, Glas und Papier, um ein paar zu nennen. Auch der Holz- und in Teilen der Metallbereich verzeichnen weniger Zuwächse. Die Gründe hierfür würde ich eher in mangelnder Berufsinformation sehen. Die Berufsinformation ist wichtiger denn je. Entscheidungen werden auf dem Marktplatz getroffen, da viele Nebenstraßen nicht bekannt sind. Ich halte es für einen gesellschaftlichen Lehrauftrag, unsere Kinder umfangreich zu informieren sowie einen Erziehungsauftrag, dass Kinder und Heranwachsende sich dieser Informationen bedienen müssen, um dann möglichst eine freie und selbstständige Entscheidung zu treffen, wohin die berufliche Reise gehen soll.

Wo sehen Sie trotz aller Herausforderungen positive Entwicklungen?

Szabo: Gesellschaft, Schule und Politik nehmen das Handwerk wieder wesentlich stärker wahr. Die Politik erkennt auch langsam die Notwendigkeit, Handwerker in der Gesellschaft zu haben. Auch die Informationen rund um die Möglichkeiten im Handwerk dringen wieder stärker durch. Allerdings ist das ein stetiger Prozess mit ausreichend Potenzial für Steigerung.

Welche politischen Entscheidungen würden dem Handwerk kurzfristig wirklich helfen?

Szabo: Meine persönliche Erwartung an die Regierung (Land und Bund) sind grundsätzlich Sachorientierung und Reaktion auf Veränderungen, denen wir uns nicht entziehen können. Davon abgesehen liegt mein Glück in meinen Händen. Ich bin nicht davon überzeugt, dass die Politik Rahmenbedingungen in dem Maß ändern kann, dass es einen nennenswerten Einfluss auf das einzelne Leben hat. Damit möchte ich der Politik ihre Lasten nicht nehmen, aber auch deutlich machen, dass jeder Einzelne von uns seine Pflichten hat. Unbedingte Voraussetzung dafür ist, dass wir ein freies Land mit absoluter Selbstbestimmung bleiben. Das ist das größte Glück, das wir in unserem Land haben und nicht aufs Spiel setzen dürfen.

Haben Sie manchmal den Eindruck, dass die Bedeutung des Handwerks in der Politik unterschätzt wird?

Szabo: Ja, das glaube ich – allerdings bei fallender Tendenz und nicht nur von der Politik. Wir stellen doch alle fest, dass wir in unseren gesellschaftlichen Bedürfnissen schon sehr eingeschränkt sind. Auto, Restaurant, Wohnen und vieles mehr. Jeder, der sich etwas leisten kann oder möchte, ist nicht mehr nur davon abhängig, es bezahlen zu können. Immerhin wurde das Wirtschaftsministerium des Landes in Ministerium für Wirtschaft, Handwerk und Tourismus umbenannt, und der Besuch von Cem Özdemir, Winfried Kretschmann, Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut und weiteren Politikern bei der letzten Mitgliederversammlung von Handwerk BW zeigt schon, dass hier großes Interesse besteht.

Wie läuft das aktuelle Ausbildungsjahr? Spüren Sie mehr Interesse bei jungen Menschen?

Szabo: Ja, das Interesse steigt schon die letzten Jahre wieder spürbar. Allerdings nicht auf dem Niveau und bei allen Fachrichtungen, wie wir es bräuchten. Wie schon gesagt, müssen wir die jungen Menschen mit Informationen versorgen und diesen Bereich massiv ausbauen. Dann wird das auch weiter steigen.

Was macht eine Ausbildung im Handwerk heute besonders attraktiv?

Szabo: Die meisten beginnen eine Ausbildung in jungen Jahren, was als erstes der Sozialkompetenz zu Gute kommt. Junge Menschen lernen dann früh Fähigkeiten und Fertigkeiten, entwickeln Fachwissen und Lösungsstrategien, die nicht nur das berufliche Leben prägen. Arbeitsergebnisse sind fassbar, sichtbar und geben für Geleistetes eine direkte Rückmeldung. Nach der Ausbildung stehen viele Wege offen, angefangen von einem sicheren Arbeitsplatz über Fortbildungen zur Meisterprüfung mit persönlicher, übergeordneter oder leitender Verantwortung als Vorgesetzter, Ausbilder oder Chef in dem eigenen oder übernommenen Unternehmen. Selbst die akademische Laufbahn kann ihren Ursprung oder ihre Zwischenstation im Handwerk finden.

Welche Rolle spielen Eltern und Schulen bei der Berufswahl?

Szabo: Schulen müssen sich der veränderten Schülerströme und ihrer Gründe bewusst sein und entsprechend den Informationsfluss zulassen. Besonders bei den Gymnasien würde ich mir an dieser Stelle mehr Zuspruch wünschen. Das soll nicht heißen, dass jeder ein Handwerker werden soll, dass aber Informationen für eine freie und unbeeinflusste Entscheidung zur Berufswahl beim Schüler ankommen. Und in diesem Rahmen erwarte ich mir von den Schulen und den Eltern, dass sie ihren Kindern die Entscheidung zutrauen, beratend und unterstützend zur Seite stehen und sich nicht zu sehr von ihrer eigenen Biografie leiten lassen. Ich höre immer wieder den Satz: Das kann ich meinem Kind nicht zumuten. Ich glaube, wir müssen es ihnen zumuten, da wir es uns genauso wenig leisten konnten und können, unseren Kindern diese Verantwortung wegzunehmen.

Was würden Sie einem Jugendlichen raten, der zwischen Studium und Ausbildung schwankt?

Szabo: Da gäbe es von mir keine pauschale Antwort. Ich würde zusammen mit dem Jugendlichen abwägen, eine Pro-und-Kontra-Liste erstellen oder unbeantwortete Fragen beantworten. Ich bin mir sehr sicher, dass der Jugendliche dann eine Entscheidung treffen wird, bei der ich ihm allen Mut zusprechen werde. Mir liegt viel daran, dass es nicht nur für den Kopf, sondern auch für den Bauch stimmt. Nur das bringt am Ende den nötigen Erfolg.

Gibt es Handwerksberufe, in denen besonders dringend Nachwuchs gesucht wird?

Szabo: Wir suchen in allen Handwerksberufen Nachwuchs. Die Berufe im Bereich Ernährung sind deutlich unterbesetzt. Viele Betriebsinhaber nähern sich dem Ruhestand.

Wie groß ist das Thema Betriebsnachfolge in unserer Region?

Szabo: Tausende Betriebe suchen Unternehmensnachfolgen in der eigenen oder außerhalb der Familie. Das Potenzial ist riesig und eröffnet vielen Junghandwerkern zahlreiche Möglichkeiten, Unternehmen zu übernehmen, weiterzuentwickeln und sich einen entsprechenden Lebensstandard zu erarbeiten.

Warum fällt es vielen Betrieben schwer, einen Nachfolger zu finden?

Szabo: Wegen der Umstände, die wir rund um das Handwerk diskutieren: weil Weichen nicht rechtzeitig gestellt werden, wir uns schwer tun, Verantwortung zu übertragen und Veränderungen häufig nicht genügend Raum gegeben wird – und im Einzelfall sicherlich aus vielen weiteren Gründen. Neben dem Wissen, warum es nicht funktioniert, interessiert mich der Ansatz, wie es funktioniert aber wesentlich mehr – und das ist immer fallbezogen.

Künstliche Intelligenz, Digitalisierung und neue Technologien verändern auch das Handwerk. Wie erleben Sie diesen Wandel?

Szabo: Spannend, erfrischend, chancenreich und sowohl ertragsfördernd als auch ertragsbindend. In Summe glaube ich bei einem guten Umgang damit an eine große Bereicherung.

Wo sehen Sie die größten Chancen für die Betriebe?

Szabo: Die gesamten Chancen sind nicht abzusehen und werden sich entwickeln. Buchhaltung, Controlling, Arbeitsvorbereitung, Lagerlogistik und Organisation – wir können überall mehr Freiraum und Kapazitäten schaffen, um uns mehr auf wertschöpfende Prozesse zu konzentrieren. Das verlangt natürlich die Identifikation mit der Veränderung und das Mitspielen von Geschäftspartnern, Kommune und Politik.

Was motiviert Sie persönlich jeden Tag, sich für das Handwerk einzusetzen?

Szabo: Die gesellschaftliche Notwendigkeit.

Welches Handwerk würden Sie gerne einen Tag lang selbst ausprobieren?

Szabo: Da kann ich mich nur schwer festlegen. Da ich Zahnarzt auch als ein Handwerk verstehe, wäre das etwas, was mich doch sehr interessiert. Für einen Tag wäre das dann doch etwas schwierig und den nötigen Probanden wird es dafür vermutlich nicht geben (lacht). Nostalgisch betrachtet würde ich mich gerne einmal frühmorgens in einer Backstube ausprobieren und erleben, wie die Menschen meine frischen Backerzeugnisse kaufen.

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